220 Kilometer mit dem Eilbulldog

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---- TEIL 1 ---- (Veröffentlicht am 08.02.2019) -----

Mit LANZ-Bulldogs lebe ich seit meinem 16. Lebensjahr. Damals hat mir mein Vater einen LANZ 35 PS-Ackerluft mit Seilwinde geschenkt. Diesen habe ich heute noch und auch viel damit erlebt. Immer noch bin ich von diesen Maschinen begeistert. Wir haben sogar eine LANZ-Bulldog-Gruppe gegründet, die unsere LANZ-Bulldogs im Museum den Leuten vorführt. Wenn jemand buchen will, so frage er die Veranstaltungsabteilung und nach Herrn Rausch.

Der LANZ Eilbulldog ist das größte Modell der Firma. Es war eine Straßenzugmaschine, die 40 Kilometer schnell fahren konnte. Das Fahrzeug hat ein 5-Gang-Getriebe, das man bei schweren Lasten bis in den Kriechgang herunterschalten kann. Der Motor ist ein 1-Zylinder Glühkopf Motor mit 10 Liter Hubraum. Der Glühkopf muss mit einer Lötlampe vorgewärmt werden, bis er leicht glüht und dann entzündet sich der Diesel. Der Motor arbeitet nach dem Zweitakt-Prinzip, hat also keine Ventile. Die meisten Eilbulldogs waren beim Militär im Zweiten Weltkrieg im Einsatz, viele bei der Luftwaffe und auch im Heer. Zu ziehen gab es ja damals genug, vom Flugzeug bis zum Flakscheinwerfer, vom Flakscheinwerfer bis zu havarierten Panzern der kleineren Klasse wurden die Eilbulldogs eingesetzt. Heutzutage werden diese Traktoren gerne auf Hochglanz restauriert: mit messingpolierten Schrauben und gerne mit Blattgold. Mein Geschmack ist ein anderer, weshalb der LANZ, der auch so Hochglanz hergerichtet war, zum deutschen Militär gekommen ist, d.h. er wurde zerlegt und wehrmachtsgrau lackiert. Ganz wichtig für die Lackierung ist, dass eine rote Grundierung drunter ist und dass die Farbe sehr matt ist und aus Kunstharz besteht. Kunstharzfarben sind jetzt schon wieder schwer zu bekommen, auch dies war nicht so einfach. An dieser Stelle sei dem Restauratoren-Team rund um Rajko Crncec Dank ausgesprochen, die mir die Farbe gemixt haben.

Fertiggemacht hat mir der Bulldog der LANZ-Restaurator Michael Schuth aus Wallmerod im Westerwald. Die Idee, den „Eiler“ per Achse zu überführen, kam mir bei einem Termin in seiner Werkstatt. Wallmerod ist 20 Kilometer oberhalb von Limburg im Westerwald.

Nun musste die Reise organisiert werden. Bei uns in der Werkstatt ist im Moment ein 300 SL Flügeltürer. Dieser wurde schon längere Zeit nicht mehr gefahren und hatte Standschäden. An der Zündung kann es nicht liegen, wahrscheinlich eher im Einspritzsystem, denn zwischen 3,5 und Höchstdrehzahl setzt der Motor aus und wir wissen noch nicht 100%ig warum. Ich habe gedacht, vielleicht nützen ihm ein paar Kilometer auf der Autobahn, vielleicht wird er wieder frei. So habe ich meinen Studienkollegen und unseren Museumsmitglied Bernd Eicker gefragt. Dieser fuhr mit mir mit dem Flügeltürer hoch zu unserem Museumsmitglied Markus Kern.  Markus Kern lebt ebenfalls im Westerwald. Dort werden Mercedes Kompressor-Wagen restauriert und instand gesetzt. Es hat sich im Laufe der Jahre eine enge Freundschaft entwickelt. Bernd schaute sich die Fahrzeugsammlung der Familie Kern an und fuhr dann schnurstracks mit dem SL zurück. Die Aussetzer im oberen Drehzahlbereich sind viel besser geworden. Wenn dieser jetzt noch etwas gefahren wird, so hoffen wir, dass sich das technische Problem löst.

Mit Markus und ein paar Freunden waren wir zu Abend essen, wir hatten einen sehr schönen Abend und ich habe dort übernachtet. Am nächsten Morgen hat mich Markus nach einem starken Kaffee nach Wallmerod gebracht, um den LANZ zu übernehmen. Vielen Dank dafür. Es war aufregend, die letzten Handgriffe habe ich mir erklären lassen und dann ging es rauf auf den LANZ und los in Richtung Limburg. Die ersten Kilometer waren mit dem Traktor sehr ungewohnt, die Bundesstraße hat sehr viele Spurrillen, was die Fahrerei nicht einfacher gemacht hat. Vom Verkehr her war es lebhaft, aber nicht unangenehm. Nach Limburg fuhr ich Richtung Camberg. Dies ist 20 Kilometer von Limburg weg. Dort gibt es in einer Ortschaft namens Esch eine Kreuzung, wo ich von der Bundesstraße abgebogen bin, um durch das wunderschöne Emstal zu fahren. Die Straße war sehr einsam, das Tal wunderschön, am Fluss stand eine Schafherde mit ca. 100 Tieren. Da ich das Emstal hochgefahren bin, hat der LANZ ziemlich laut gesprochen und die Schafe sind den ganzen Hang in Richtung Wald hochgerannt. Gott sei Dank war ich mit der Zugmaschine recht flott weg. Ich habe an den armen Schäfer gedacht, der seine Herde wieder einfangen musste. Eine große Entschuldigung von hier aus.

Danach fuhr ich Richtung Schmitten und dann von Niederreifenberg  aus über den großen Feldberg. Der Bulldog hat, wenn er ziehen muss, solch einen tollen Schlag, dass selbst ich mein linkes Ohr zuhalten musste, sonst wäre mir vormöglich noch der Kopf geplatzt. Zum Glück, war genügend Wasser aufgefüllt den der Bulldog hat angefangen, ein bisschen Wasser zu verlieren. Oben am Feldberg angekommen, war es sehr schön. Der Bulldog ist die Steigung im vierten Gang hochgekrabbelt. Dies war natürlich ganz toll. Wenn man mit einem alten Fahrzeug den Berg hochfährt, so muss man im gleichen Gang bergab fahren, wegen den Bremsen. Also im vierten Gang bergab Richtung Bad Homburg. Bei der Abfahrt habe ich einen Anfängerfehler gemacht. Mein bisheriger LANZ hat keine Summerzündung montiert, diese braucht man normalerweise nur, wenn man den Traktor auf Benzin anlassen will. Dies habe ich jedoch nur einmal gemacht und dann bleiben lassen aus leidvoller Erfahrung. Das letzte Mal einen Traktor mit Benzin angeworfen habe ich mit 16 Jahren. Der LANZ bekommt dann sofort Höchstdrehzahl. Man muss ja das Lenkrad seitlich in den Bulldog auf die Kurbelwelle anstecken zum anwerfen. Hier war nicht geschmiert und das Lenkrad ist steckengeblieben, es war eine gefährliche Aktion. Jedoch nützt der geübte LANZ-Fahrer die Sprühzündung bergab, damit der LANZ nicht auskühlt. Im Schiebebetrieb wird über Kraftstoff eingespritzt und wenn dieser nicht verbrennt, kühlt der LANZ ab. Ich habe diesen Trick leider nicht benützt und so kühlte mir der Bulldog aus und ich blieb 5 Kilometer vor Bad Homburg mit kaltem Glühkopf stehen. Also einfache Geschichte, Lötlampe raus, an der Lötlampe den Sprit geflutet und dann kam mein Problem. Ich bin Nichtraucher und hatte kein Feuer dabei. Also nix wie Autos anhalten und um Hilfe fragen. Leider waren die ersten Autofahrer, die ich angehalten habe alle Nichtraucher, deshalb rief ich unseren Museumsmitglied Philipp Dressel an. Philipp betreibt zusammen mit seinem Vater das wunderschöne Automuseum „Central Garage“ in Bad Homburg betreibt (www.central-garage.de). Dieser hat mich mit einem Feuerzeug gerettet. Also LANZ „Eiler“ anheizen und dann ganz großer Luxus: denn der Bulldog ist präsidial und hat einen Elektrostarter! Und weiter ging‘s. Auf der Fahrt durch Oberursel war der Bulldog immer noch etwas kalt, wir hatten es nämlich ein bisschen eilig, die Lötlampe hätte durchaus 5 Minuten länger dranhängen können. Bei Dressels zu Hause angekommen, lies ich den LANZ bei niedriger Drehzahl im Stand laufen.

Plötzlich war große Aufregung. Eine Kuh lag auf der Weide und hat sich nicht mehr gerührt, die anderen Kühe standen drumherum. Die Dressels betreiben ein wenig Landwirtschaft als Hobby. Und siehe da, die Kuh hat ein gesundes männliches Kalb zur Welt gebracht. Philipp rief den Tierarzt, um das Kalb abzureiben und um nachzuschauen, dass alles ok war. Derweil habe ich ein Stück selbstgemachte Salami aus Galloway Rind gegessen und ein Glas Äppelwoi getrunken. Das Kalb ist männlich und hört jetzt auf den Namen Heinrich, frei nach Heinrich LANZ. Beim Aufsitzen auf den Traktor hat der frisch geborene Heinrich schon versucht aufzustehen, das war sehr schön.

---- TEIL 2 ---- (Veröffentlicht am 22.02.2019) -----

Weiter ging die Fahrt Richtung Süden und plötzlich war ich mitten in Frankfurt an der Alten Oper. Das war ein schöner Anblick. Leider ist in Frankfurt die Beschriftung der Ortsangaben etwas schlecht. Wie komme ich aus diesem Frankfurt wieder raus? Ich habe alles versucht und habe mich doch hoffnungslos verfahren. Am Schluss stand ich an den alten Adler-Werken, im Hafengebiet, auf der gegenüberliegenden Seite vom Main. In der Stadt hat es auch noch angefangen zu regnen, so musste ich mich wasserfest machen mit Regenmantel und Regenmütze. Wenn der Fahrer nervös wird, wird auch der LANZ Bulldog nervös. Man braucht sehr wenig Drehzahl, um geräuschlos den dritten Gang, mit dem man anfährt, einzulegen. Man stelle sich folgendes Szenario vor: Es war eine Ampel und eine Schlange, ich gebe nicht entschlossen genug Gas, der LANZ macht „pupp“, dann Kupplung treten, LANZ wieder beleben, dann möchte ich losfahren und der LANZ fährt rückwärts! „Oh mein Gott“ – der Motor lief falsch herum. Also runter vom Bulldog, Seitendeckel aufgemacht, Einspritzpumpe zu, im richtigen Moment wieder gepumpt, den Motor umgeworfen, damit er wieder vorwärts läuft und dann weiterfahren. Irgendwann war ich auf einer Ausfallstraße ohne Abfahrt und plötzlich stand ich vor dem Terminal 2 des Frankfurter Flughafens.

Mit dem LANZ darf man ja nicht auf die Autobahn, weil er keine 60 km/h läuft. In Frankfurt war nichts beschrieben, da stand nicht Darmstadt, Neu-Isenburg oder Offenbach. Wenn ich einen Marschkompass gehabt hätte, hätte ich die grobe Richtung festlegen und dann tendenziell in die richtige Richtung fahren können. Leider hatte ich keinen Kompass. Die Leute, die ich in Frankfurt nach der Richtung gefragt habe, waren alle sehr freundlich, aber wie gesagt, plötzlich stand ich vor Terminal 2. Dort gibt es keine Landstraße. Die eine Möglichkeit wäre gewesen, nach Frankfurt zurückzufahren, dies habe ich mich nicht getraut und dann bin ich aufs Frankfurter Kreuz aufgefahren auf die Autobahn. Dies ist zwar nicht erlaubt, aber es war blanke Notwehr! Das erste Stück fuhr ich auf dem Pannenstreifen, diese hörte aber auf. Dann fand ich mich auf der mittleren Spur wieder. Links die LKW’s, rechts die Autos, die von Würzburg aus kommend, der Verkehr in einem Affentempo und dann flog noch ein landender Flieger über mich drüber und ich dachte panisch: „Was um Himmels Willen mach‘ ich hier?“. Gott sei Dank war es Tag und ich war gut zu sehen.

Endlich habe ich die Ausfahrt erwischt und bin dann schnurstracks Richtung Dreieich gefahren, in der Hoffnung, dass dann die Bundesstraße 3 in Sicht kommt, die direkt nach Heidelberg führt. Die Hauptbahnlinie „Stuttgart-Frankfurt“ geht dort durch. Ich musste ewig an der Schranke stehen und habe mich bei unserem Museumsmitglied Thomas Kern angemeldet, der in Darmstadt wohnt. Nach der Bahnlinie kam die Bundesstraße 3 und ich nahm sie unter meine Räder. Das hat sich wunderbar angefühlt. Endlich wusste ich wie ich nach Hause komme. Bei Thomas Kern gab es ein bisschen Büchsenwurst und ein Bier und die Nacht brach herein. Thomas hat mich gebeten zu übernachten, ich jedoch hatte gutes Vertrauen in den Bulldog und habe gesagt, ich werde ein Loch durch die Nacht bohren und weiterfahren. Thomas ist ein Stück mitgefahren, um mich aus dem Ort zu navigieren und ist dann vom nächsten Ort mit dem Taxi wieder heimgefahren. Herzlichen Dank von dieser Stelle aus.

Die B3 war angenehm frei, die Nacht war frisch und trocken, der Traktor und der Fahrer waren äußerst gut gelaunt. So war die Fahrt über Bensheim, Heppenheim, Hemsbach, Weinheim sehr angenehm. In Heidelberg fuhr ich auf der Ziegelhäuser Seite am Neckar entlang, der Anblick war wunderbar, das Schloss war schön beleuchtet. An der alten Brücke vorbeizufahren war ein Hochgenuss. Wahrscheinlich sind ein paar Menschen wach geworden, denn es war doch schon spät.

In Ziegelhausen konnte ich nicht vorbeifahren, ohne Museumsmitglied Kuno Hug, den langjährigen Chef der Heidelberg Historic zu grüßen. Kuno wohnt in einem umschlossenen Innenhof. Ich habe nichts anderes gemacht, als in den Innenhof zu fahren und der Bulldog hat dann Elisabeth Hug angelockt. Kuno war auf einer Vorstandsitzung des Motorsport-Clubs. Eine kurze Umarmung mit Elisabeth, ein kurzes Gespräch und weiter ging es Richtung Heimat. In Neckargemünd habe ich das Neckartal verlassen und bin die Elsenz in Richtung Sinsheim entlang gefahren. Die letzte Steigung auf der Strecke war der Krähbuckel in Mauer. Dies war sehr spannend. Ich habe gehofft, im 5. Gang, also im großen Gang ohne zurückzuschalten, rüberzukommen. Bei dreiviertel der Steigung fing der Traktor richtig an zu arbeiten.  Er gab einige knochenharte Schläge von sich. Plötzlich stand oberhalb des Auspuffs eine oberschenkeldicke Flamme mit einem halben Meter Länge. Durch den Schlag des Kolbens wurde die Flamme immer 10 cm kürzer und verlängerte sich dann wieder um 10 cm. Was ein schönes Erlebnis in unserem Kraichgau.

Sinsheim hat mich gut empfangen, so war ich nachts um 23 Uhr zu Hause. Meine Frau hat nach einer kurzen Begrüßung gesagt, ich solle nichts anrühren und sofort in die Badewanne steigen. Wahrscheinlich habe ich etwas streng nach Diesel gerochen und nach der offenen Landstraße. Dann gab es zwei Tassen Husten- und Bronchialtee, denn es hatte nur 7 Grad draußen. Als ich schließlich ins Bett gefallen bin, habe ich den Schlag des LANZ immer noch im Kopf gehört.

Alles in Allem war es ein schönes Erlebnis. Wenn man mit einem LANZ fahren will muss man alle Hektik abstreifen und ganz relaxt und ruhig fahren. Dies schult den Geist und macht den Kopf frei für neue Ideen. Noch ein Tipp für Fahrensleute. Meine Tochter hat mich an eine Strategie meines Vaters erinnert: Hätte ich in Frankfurt am nächsten Taxi-Stand angehalten und hätte mir ein Taxi vorausfahren lassen, so wäre die Geschichte in einer guten halben Stunde erledigt und bei weitem nicht so kritisch geworden. Dies für alle, die mit einem umständlichen Fahrzeug in eine Großstadt fahren!

Generell habe ich auf dieser Reise mal wieder festgestellt, wie unsere Museumsmitglieder auf der ganzen Welt vernetzt sind. Den Lanz Eilbulldog werden Sie auf unseren Bulldogtreffen erleben, wie z.B. dem LANZ-Bulldog Treffen im Technik Museum Speyer oder der Agri Historic im Technik Museum Sinsheim - und natürlich auch bei unserem Brazzeltag!

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