„Das rostigste Hobby der Welt“ in der Corona Krise

Veterama-Gründer und Chef des Dr. Carl-Benz-Automuseums Winfried Seidel nutzte den Shutdown im Frühjahr und verfasste ein paar Zeilen über sein "rostiges Hobby" in der Corona-Zeit: 

"Das rostigste Hobby der Welt"...als ich im Jahr 1984 diesen Satz erfunden habe, dachte ich tatsächlich  „Rost ist der schlimmste Feind für unser Hobby. Damals habe ich das erste Sonderheft für die Zeitschrift „MARKT“ unter diesem Titel geschrieben. In diesem Sonderheft gab ich viele Tipps, die ich mir für die Restaurierung bei meinen Fahrzeugen erarbeitet hatte. Zugegeben, heute würde ich sicher vieles anders machen und anders schreiben. Man lernt ja bekanntlich ständig dazu. Aber was ist der Rost an unserem „heil´gen Blechle“ gegen das, was wir jetzt erleben. Nicht der rotbraune Teufel macht uns Sorgen, die wir mit List, Tücke und Geschick zu lösen haben, sondern ein winziges,  nicht sichtbares Virus ist zur Hölle geworden. Dieses Virus, dem man den Namen „Corona“ gegeben hat, legt unser Hobby völlig lahm. Und leider nicht nur unser Hobby.

Was also tun in dieser Zeit, in der wir mit unseren historischen Fahrzeugen eigentlich wieder so richtig „durchstarten wollten“! In diesem Jahr sind die meisten Veranstaltungen wegen der derzeitigen Planungsunsicherheit abgesagt. Und doch zeigt sich bereits etwas Licht am Ende des Tunnels, den wir zur Zeit durchfahren. Damit Sie die Zeit sinnvoll gestalten können, bis aus diesem zarten Licht wieder ein richtiger Sonnenstrahl für „das rostigste Hobby der Welt“ wird, möchte ich erzählen, wie ich das bisher gemacht habe. Und damit einige Tipps zur sinnvollen „Freizeitgestaltung“ geben.

Rechts auf meinem Schreibtisch stehen drei übereinander gestapelte Ablagen. Alle waren randvoll. Also ran ans Sortieren. Ich habe mir drei Kategorien ausgedacht:
1. hat sich erledigt, also Papierkorb
2. sollte man sich merken, also in einen Ordner abheften
3. verdammt, habe ich vergessen, also gleich erledigen.

Fotos sind sortiert

Meine Ablagen sind jetzt fast leer. Dann gibt es noch einen Raum, in dem zwei Schreibtische stehen. Dort ist unser Archiv mit Büchern, Fotos, Betriebsanleitungen, Ersatzteillisten, Verkaufsprospekten usw. Diese Schreibtische waren derart voll gestapelt, dass es schon fast peinlich war. Auch da ist es mir gelungen, Platz zu schaffen. Die Bücher stehen wieder themenbezogen im Regal. Die Fotos sind in den eigentlich dafür vorgesehenen Boxen. Prospekte, Ersatzteillisten und Betriebsanleitungen liegen wieder dort, wo ich sie normalerweise suche, und einige Ablagen sind auch  abgearbeitet. Alles mit dem Ergebnis, dass man jetzt wieder die dunkel gebeizten Platten der alten Schreibtische sieht und dass ich fast wieder alles finde, was ich gerade suche.

Alles archiviert und sortiert

Jetzt arbeite ich an meinem Ersatzteillager. Ich fühle mich fast wie auf einem Rundgang auf dem VETERAMA- Gelände. Das wird mich sicher noch eine Zeit lang beschäftigen. Ich entdecke Sachen, von denen ich gar nicht mehr wusste, dass ich sie habe. Wahrscheinlich finde ich dabei auch eine ganze Menge Teile, die ich auf der VETERAMA verkaufen könnte. Schauen Sie doch auch einmal in Ihr Ersatzteillager, wenn Sie Ihr Büro aufgeräumt haben.

Das muss noch gemacht werden

Eigentlich müsste man sich die Zeit nehmen  alle Teile, die man zuordnen kann, mit entsprechenden Anhängern zu versehen, auf denen man notiert, wozu sie gehören. Aber dazu wird hoffentlich die Zeit nicht reichen, bis man einen Impfstoff gegen das Höllenvirus gefunden hat. Auch das Werkzeug, Maschinen und Geräte könnte man ja mal durchsehen. Die Schraubenschlüssel wieder richtig nach Größen sortieren, und die Schraubenzieher vielleicht etwas übersichtlicher platzieren. Etwas Öl an die Gelenke der Zangen geben. Eventuell die Feilen entsorgen, die längst geglättete abgearbeitete Flächen haben, und da ist dann vielleicht auch noch die Werkbank, auf der sich erstaunlich viele Gegenstände befinden, die man besser dahin sortiert, wo sie hingehören. Bohrer zu Bohrer, Gewindeschneider in die vorgesehene Schublade und alle Werkzeuge wieder an die Wand mit den Aufhängungen hinter der Werkbank.

Ersatzteile sind jetzt ebenfalls sortiert

Man spürt es dann richtig: es macht viel mehr Spaß zu arbeiten, wenn man Platz hat. So und jetzt kommt das Wichtigste. Der oder die Oldtimer, die ja nun einmal unser Hobby ausmachen. Probefahrten kann man ohne Einschränkungen schon machen…trotz Höllenvirus. Messing, Nickel oder Chrom mal wieder schön aufpolieren, die Stoßstangen zum Beispiel auch einmal unten an den Stellen, die man nicht gleich sieht. Das wäre so eine Arbeit. Auch der Lack könnte sicher einmal eine gründliche Kosmetik vertragen. Die Innenausstattung, wenn sie aus Leder ist, müsste vielleicht auch  eine gründliche Behandlung bekommen, die alles wieder so richtig geschmeidig macht und dabei die schöne Patina erhält. Genügend Mittelchen werden in unseren Fachzeitschriften angeboten oder man hat sie sich vorsorglich schon auf der letzten VETERAMA besorgt.

Einfach mal nach dem Rechten sehen

Die Innenhölzer sollten ab und zu etwas Auffrischung bekommen, Gummidichtungen könnten man von Zeit zu Zeit mit etwas Glyzerin einreiben, damit sie nicht austrocknen und wieder schön schwarz werden, und auch die Reifen könnte man mit einem handelsüblichen Mittel zu neuem Glanz bringen. Ihr Oldtimer sieht danach hoffentlich aus, als ob er frisch von der Schönheitsfarm kommt. Vielleicht kann man ja auch die ganze Technik wieder einmal  etwas gründlicher untersuchen. Wann wurde zum Beispiel die Bremsflüssigkeit zum letzten Mal gewechselt? Es gibt viele Stellen an Kugelgelenken, denen man etwas Fett oder Öl zukommen lassen könnte. Getriebe-, und Hinterachsöl sind wahrscheinlich auch schon einige Jahre im Gehäuse und könnten erneuert werden. Wenn Sie beim Überprüfen der Technik Dinge entdecken, die Sie in Selbsthilfe nicht ganz schaffen, dann steuern Sie halt Ihre Stammwerkstatt an, dort ist man wahrscheinlich auch ganz froh, wenn es wieder Kundschaft gibt. Ja, und wenn alles erledigt ist, und wenn Sie vor lauter Oldtimer-Langeweile gar keine Idee mehr haben wie Sie die nächsten Tage, Wochen oder Monate überbrücken können, dann schaffen Sie einfach genügend Platz für den nächsten Oldtimer, der nur darauf wartet, dass Sie ihn in einer Zeitungsanzeige oder zufällig bei einem Anruf Ihrer Oldtimer-Freunde entdecken. Wenn der dann bei Ihnen in Ihrer Hobby-Werkstatt steht, haben Sie auf jeden Fall genügend Arbeit bis ein Impfstoff gefunden ist. Außerdem lohnt sich dann die Reise zur nächsten VETERAMA  ganz bestimmt, denn Sie benötigen wieder viele Teile, Tipps und Ratschläge.

Also dann, lassen Sie sich die Zeit nicht lang oder gar langweilig werden.

Ihr und Euer
Winfried A. Seidel

 

 

 

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