"King of Fire" im Interview

Gerd Habermann ist seit seiner Jugend begeistert vom Dragster Sport. Mit 18 Jahren fing er selbst an, Rennen zu fahren. Heute hat er den größten und erfolgreichsten Dragster Rennstall in Europa und ist mehrfacher German Dragrace Champion und Europarekordhalter.

Den meisten unserer Fans ist Gerd wahrscheinlich ein Begriff. Er ist mit seinem Raketen-Schulbus und seinem Dragster-Bike bei jährlichen BRAZZELTAG im Technik Museum Speyer bereits eine Institution. Im Mai war er gemeinsam mit Junior Dragsterfahrerin Chantal Wagner im Technik Museum Sinsheim zu Besuch und hat uns seinen „BAT-Mobil“-Dragster für die Ausstellung zur Verfügung gestellt.

Wir haben die Gelegenheit genutzt und Gerd ein paar Fragen zu seiner Karriere und seinem bevorstehenden Weltrekordversuch gestellt.

Wie bist Du zum Dragster Sport gekommen?
Alles begann in Langendiebach bei Hanau. Dort ist Drag Racing in den 1960er Jahren nach Deutschland gekommen. Die dort stationierten GIs (Anm.: Bezeichnung für amerikanische Soldaten) veranstalteten im Sommer sonntags ihre Privatrennen auf dem US-Flugplatz. Ich bin als 15-jähriger Teenager mit meinen Kumpels und dem Mofa dort hingefahren. Weniger wegen den Rennen, sondern weil man in die Kaserne reindurfte und es dort Hamburger und Cola gab. Das gab es ja in Deutschland sonst nicht. 

Auf dem Flugplatz habe ich das erste Mal ein Drag Race gesehen, das mich total fasziniert hat. Wir sind dann jedes Jahr mehrfach dorthin gefahren und haben uns das angeschaut. Als ich 18 Jahre alt war, bin ich dann das erste Mal mit meinem Straßenauto mitgefahren. Das war damals ein getunter Opel Manta A. Voraussetzung zur Teilnahme waren 20 Dollar Startgeld und eine Startlizenz, die ich vorher gemacht hatte. Die Siegerprämien waren damals abhängig von den Zuschauermengen. So konnte man pro Rennen bis 2.500 Dollar gewinnen. Mein erstes Rennen war natürlich nicht erfolgreich, aber es hat Spaß gemacht und ich habe Blut geleckt.

Wie ging es dann für Dich weiter?
In den folgenden Jahren ging es ganz gut voran. Die Rennen waren meist sehr international, mit vielen Schweden und Engländern. Ab und zu habe ich dort ein paar Siege eingefahren. In einem Jahr hatte bei einem Rennen jemand einen Dragster zum Verkauf dabei. Einen Competition-Dragster mit Vierzylinder Volvo-Maschine. Das war mein erster richtiger Dragster. Den habe ich gekauft, umgebaut und zwei Jahre sehr erfolgreich gefahren.
Danach wollte ich mehr und habe mir meinen ersten Small-Block-Motor mit Kompressor aufgebaut. Die Amerikaner mit ihren Achtzylindern waren nämlich immer überlegen. Dann ging es bei mir richtig los. Im Jahr 1987 und 1988 wurde ich in den Euroseries fast unschlagbar. 1990 habe ich den Entschluss gefasst, das erste Mal zu den Winternationals nach Pomona, in die USA zu reisen. Dort kam ich dann zu meinem ersten amerikanischen Dragster. Es war ein Rolling Chassis, also ein reines Fahrgestellt. Ich habe mir dann alles selbst zusammengebaut.

Damit ging es dann weiter bergauf und ich habe endlich namenhafte Sponsoren gefunden. So konnte ich mir gutes, also haltbares und schnelles Material kaufen, und noch erfolgreicher werden. Der nächste Dragster ist dann bald gefolgt. Ich mache an meinen Dragstern fast alles selbst, nur das Chassis nie. Rahmen und Fahrwerk sollte man Profis überlassen. Das Fahrzeug soll ja schnell sein und auch geradeaus fahren. In Deutschland gab es mehrere, die das probiert haben, aber bei allen ist es schief gegangen. Ich kaufe mir in den USA immer Rolling Chassis oder lasse sie mir anfertigen. Die Elektrik und das Getriebe baue ich dann selbst. Mittlerweile habe ich 15 Autos und drei Motorräder. Damit habe ich den größten Rennstall in Deutschland.

Wie sieht Dein Alltag aus?
Vor 15 Jahren habe ich mein Hobby zum Beruf gemacht und habe meine Autowerkstatt aufgegeben. Wenn ich nicht da war, hat die immer gelitten. Ich musste mich also entscheiden. Jetzt bin ich 365 Tage im Jahr mit Dragsterfahren beschäftigt und verdiene mein Geld damit. Das ist nicht immer einfach. In Europa bin ich der einzige Profi, d.h. der einzige, der nichts anderes außer Drag Racing macht. In den USA ist das anders, dort gibt es sehr viele Profis. Durch meinen Erfolg kamen glücklicherweise die Sponsoren. So kann ich mir mein Leben finanzieren.

Wie es dieses Jahr aussieht, müssen wir mal schauen. Bis August ist alles abgesagt. Ob die NitrOlympix stattfinden, wissen wir noch nicht. Ich hoffe es. Das ist immer das absolute Highlight, da es das größte Rennen in Europa ist. Ebenso ist der Hockenheimring für mich ja auch meine Heimstrecke. Wenn das nicht stattfindet, wäre das für alle wirklich sehr schade.

Dazu gehört auch leider der BRAZZELTAG – eine Veranstaltung, die Du bereits drei Mal mit deinen Showfahrten bereichert hast. Hier lässt Du deinen School Bus an. Wie kommt man zu so einem Show-Fahrzeug mit Turbinenantrieb?
Das Ganze mache ich schon seit über 40 Jahren. Ich will den Zuschauern und den Veranstaltern immer etwas Neues und Spektakuläres bieten. Dann ist mir einfach die Idee gekommen: Das Dragster Rennen kommt ja aus den Staaten, einen American School Bus umzubauen, erschien mir da geradezu perfekt. Da ich ja auch mehrere Turbinenfahrzeuge habe, hat es dann sehr gut gepasst.

Der BRAZZELTAG ist kein Rennen - generell ist der BRAZZELTAG mit keiner anderen Veranstaltung zu vergleichen – was bedeutetet für Dich dieses Event?
Der BRAZZELTAG ist für mich etwas GANZ Besonderes. Es stimmt, es ist kein Rennen – aber das ganze Feeling auf dem Gelände ist unbeschreiblich. Die Zuschauer mit meinem Bus und seit neuestem mit meinem Jet Bike zu begeistern, ist für mich eine ganz große Freude. Jedes Treffen, jedes Rennen hat sein spezielles Publikum. Beim BRAZZELTAG hingegen ist es immer ein gemischtes Publikum. Da gibt es alles: Qualm, Gestank, verbrannte Reifen, Oldtimer, Party - Der BRAZZELTAG ist für mich, nach den NitrOlympix, das Highlight und ich bin immer wieder gerne dort.

Du bist heute mit Chantal Wagner, der großen Nachwuchs-Fahrerin im Dragster Sport, ins Museum gekommen. Seit Jahren betreust Du junge Fahrer. Wie kamst Du dazu?
Ich bin Vater von drei Kindern, die jetzt erwachsen sind. Alle sind auch Dragster gefahren. 1993 habe ich mir den ersten Junior Dragster gekauft, den ersten in Europa. Ich erinnere mich noch, als wäre es heute gewesen. Damals stand in der Zeitung der NHRA (Anm.: National Hot Rod Association) ein Artikel von English-Town-Race-Cars, einem Dragster-Hersteller aus den USA, dass sie einen Junior Dragster erfunden und gebaut haben. Ich habe dort sofort angerufen und erzählt, dass ich einen für meine Tochter brauche. Sie meinten, es würde drei Monate Lieferzeit brauchen. Ich habe ihnen erzählt, dass ich aus Deutschland komme und für sie in Europa Werbung machen könnte. Also haben sie ein paar Tage später zurückgerufen und mir mitgeteilt, dass ich nun doch einen haben könnte, den ein anderer Kunde momentan nicht bezahlen kann. Also haben sie ihn sofort eingepackt und hergeschickt.
In Europa war ich dann der Erste, der so einen Junior Dragster besessen hat. Am Ende sind alle meine Kinder mit Junior Dragstern gefahren. So kam ich dazu, Nachwuchstalente zu fördern.

Für die Junioren ist der Sport nicht immer einfach. In Hockenheim z.B. sind fast immer 50 Fahrer*innen am Start. Davon qualifizieren sich nur 16 für das Rennen. Der Rest muss wieder nach Hause fahren. Gerade für Kinder ist das immer sehr enttäuschend.

Aber Chantal hat Benzin im Blut, schon alleine von ihrer Quad Karriere. Sie bringt alles mit. Ich habe sie und ihre Familie auf den Hockenheimring kennengelernt, da ich einen Junior Dragster zu verkaufen hatte. Ihr Interesse für Drag Racing im Allgemeinen war groß. Im Gespräch habe ich rausgefunden, dass Chantal erfolgreiche Quad Fahrerin ist. Mit ihr gemeinsam war ich dann in Zerbst beim DMSB (Deutscher Motor Sport Bund) Dragster Rennen. Da Chantal vom Quadfahren eine DMSB-Lizenz und Erfahrungen bei Rennen hat, durfte sie nach Rennende den Dragster auf der Strecke ausprobieren. Sie hat sofort Blut geleckt.

Am Abend habe ich ihr also gezeigt, wie man Dragster fährt. Gut, dass ich weiß, wie man Anfängern alles erklärt. Es hat ihr sofort Spaß gemacht und sie ist wirklich gut gefahren.
So hat das mit ihr alles seinen Lauf genommen und sie fährt jetzt, nach der kurzen Zeit, schon sehr erfolgreich in meinem Rennstall.

Du willst einen neuen Weltrekord aufstellen. 700 km/h in 3 Sekunden. Wie kommt man auf so eine Idee?
Ich bin 30-facher Deutscher Meister. Letztes Jahr habe ich sieben Titel gewonnen. In beiden Klassen in denen ich antrete, Super-Competition und SuperProET, bin ich Doppelmeister geworden. Ebenso bin ich Gesamtsieger in Deutschland. Ich habe alles erlebt, was ich mir erträumt habe. Ich will mich jetzt nochmal steigern und brauche einen neuen Kick. Meine schnellste Zeit ist 5,9 Sekunden bei 480 km/h. Zu meinem Versuch ist da kein riesen Unterschied. Aber in den Dimensionen ist das dann doch nochmal ein Kick, auch für mich.

Der aktuelle Rekord, aufgestellt 1978 von Sammy Miller, liegt bei 600 km/h in 3 Sekunden. Schon damals hat dieser Rekord mich fasziniert und seitdem will ich das auch erleben. Aber einen Sammy Miller gab es nur einmal auf der Welt, vor einigen Jahre ist er leider verstorben. Ich habe rausgefunden, wer ihm sein Zubehör besorgt bzw. seine Autos aufgebaut hat. Mit dieser Person habe ich Kontakt aufgenommen, ihn in den USA besucht, mir alle Teile, die ich benötige besorgen und mir ein neues Chassis bauen lassen.

Jetzt bin ich dran, alles aufzubauen. Die Karosserie ist fertig, der Antrieb dauert aber noch etwas . Das ist alles sehr speziell. Ich muss alles neu konstruieren und mich an die Tipps und Teile von meinem Kontakt halten. Ein Freund von mir hilft mir dabei. Er hat selbst schon einen Jetpack gebaut und hat sehr viel Ahnung.

Bald fange ich an zu testen. Dafür gibt es Rennstrecken, die man für wenig Geld für solche Testfahren anmieten kann. Man muss erstmal mit wenig Treibstoff rollen, sich quasi rantasten. Gerne würde ich den Rekordversuch auf dem Hockenheimring fahren. Hockenheim bietet auch die Voraussetzung für das größte Problem, den Bremsweg. Also steht meinem Weltrekord eigentlich nichts mehr im Weg. Mein Auto ist 200 kg leichter als der von Sammy damals, und mein Motor ist viel größer. Ich hoffe, dass es nächstes Jahr klappt.

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