Mit dem Bulldog jeck auf der Kö

Zugegeben, aufgeregt und ein bisschen nervös waren wir alle. Lange zuvor und auch währenddessen. Würde alles gut gehen? Hatten wir an alles gedacht? Wie reagieren die Menschenmassen? Was ist mit den anderen, hiesigen und über Jahrzehnte etablierten Teilnehmern, würden sie uns gut mit aufnehmen? Würden wir uns in der Großstadt auf Anhieb gut zurechtfinden? Und vor allem: Was macht das verrückte diesjährige Winterwetter mit den unberechenbaren Sturmkapriolen? Könnten Sturm und Regen am Ende alles zunichtemachen?
Doch beginnen wir von ganz vorn. Mit dem Eintritt unseres neuen Geschäftsführers, Matthias Templin, kamen auch direkt kreative Ideen mit in die Technik Museen Sinsheim Speyer. „Einer, der sich mit Werbung und Öffentlichkeitsarbeit bestens auskennt“ wurde quer durch die Museumshallen und Büros aus mehr oder weniger offiziellen Quellen gefunkt, lange bevor ich ihn persönlich kennenlernen durfte. Selbst durch und durch ein Faschingsnarr - oh, pardon, Karnevalist natürlich - und Mitglied der Düsseldorfer Ehrengarde kam er auf die Idee, man könne doch mit zwei bollernden Lanz-Bulldogs mit am diesjährigen Rosenmontagszug teilnehmen. Dass er mit dieser Idee auf helle Begeisterung beim Lanz-Bulldog-Team stoßen würde, war ihm selbst vielleicht noch gar nicht so klar, wie freilich unserem Präsidenten Hermann Layher, der hierfür bereitwillig seinen privaten 55PS Eilbulldog zur Verfügung stellte. „Auf meinem Bulldog noch ein schönes Pärchen oben drauf, das ist doch ein Traum!“ versicherte er mir hierbei noch während der zuvor unabdingbaren Unterweisung in die spezifischen Gegebenheiten des Fahrzeugs als auch der präsidialen Fahrstunde, gerade hinsichtlich der Schaltvorgänge. „Den ersten Gang musst Du mit beiden Händen reinwuchten, den hat er nicht so gern - ist halt ein Eiler, der will große Gänge und Geschwindigkeit“, so Layher.

Eine Woche darauf fuhr dann schließlich die bei unseren treuen Fans bereits bestens bekannte Spedition mit den grünen LKW’s auf den Hof, um die beiden Glühköpfe zu verladen.

Grundsätzlich wird das ja erfahrungsgemäß auch immer ziemlich gut, wenn die besagten grünen Trucks auf Museumsexponate treffen. Nachdem sich Asphalt-Cowboy Stephan tapfer die halbe Nacht durch Sturm und sintflutartige Regenergüsse, Zitat „… so eine Sch…“, gekämpft hatte, war er schließlich früh morgens in Düsseldorf angekommen. Prompt luden wir die beiden Bulldogs HR8 D1506 (Bj. 1938) und HR9 D2531 (Bj. 1952) morgens um sechs in der Nähe des „Schützenhaus Goldene Mösch“ ab. Ob die Anwohner dadurch automatisch bereits an lautes Gebollere und Geknalle gewohnt waren? Wohl kaum, zumindest nicht in aller Herrgottsfrühe. Die Heizlampen fauchten wild und züngelnd unter den beiden Glühköpfen und das war angesichts der vorherrschenden Temperaturen auch durchaus notwendig. „Der Eiler hat eine Edelstahlnase, beim Vorglühen immer schön auf die Uhr schauen, schnell schnell geht da gar nix“, gab mir Ingenieur Layher mit auf den Weg. Doch die Zeit sollte schnell verrinnen, war doch auch Matthias Templin gleich morgens von der ersten Sekunde an mit am Start, schwang sich aus dem Wagen, die Arbeitshandschuhe bereits fest in der Hand: „Klappt alles, Männer?“. Nickend fiel mir direkt auf, dass sich mit besagten Handschuhen auch bestens die feuerrot lackierten Fingernägel verdecken ließen. „Stimmt mit dem ‘was nicht?“ flüsterte mir meine Freundin verdutzt ins Ohr. Doch bevor ich darüber nachdenken und schmunzeln konnte, schoss mir auch sofort die Antwort darauf in den Kopf, wozu wir nämlich eigentlich hier waren: Rosenmontagszug.

Also rauf auf den Bulldog, Gas hoch, Glühkerze aktivieren, Anlasser betätigen, Drehrichtung beachten und gefühlvoll aber bestimmt den Rückwärtsgang einlegen. Puh, ganzschön steil geht‘s da die Laderampen hinunter und spätestens beim Zischen der Luftdruckbremsanlage, die sich ungefähr anhört wie „Ssscchhhheefffff“, fiel es mir nicht immer ganz leicht, den Kollegen zu vertrauen, ob die Räder denn auch tatsächlich schön mittig über die Rampen rollten und ich nicht unmittelbar vor einem Desaster stand. Den Präsidentenbulldog verschrammen? DER Supergau schlechthin.

Also gut konzentrieren, ab in die goldene Mösch, Fahrerunterweisung. Langjähriger Kollege und Lanz-Bulldog-Team Urgestein Heiner nahm diese offenbar so ernst, dass er unser mitten auf der Straße stehendes Auto, unverschlossen und sämtlicher Werkzeuginhalt rings herum verteilt, doch glatt übersah und förmlich zur Startnummernvergabe stürmte. „63.01“ sollte sie nun lauten, unsere Startnummer. Tatsächlich? Waren wir als Technik Museen Sinsheim Speyer doch tatsächlich auf Liste A unter der Bezeichnung „Hanomag Museum Speyer“ bzw. auf Liste B gar mit „Unimog Museum Speyer“ gelistet. Stolz auf unser gerade absolviertes Startprozedere samt Heizlampen und Muskelkraftanlasser empfanden wir dies dann doch etwas abwertend. Als würden wir mit noch einem weiteren mehrzylindrischen Fahrzeug hier mitfahren, wie gefühlt eine ganze Agri-Technica-Plastikschlepper-Armada neben uns. War sicher ein jecker Scherz dachte ich mir, kein Wunder, war doch selbst das Organisationsteam bereits früh morgens karnevalistisch geschmückt wie in der nordbadischen Heimat sonst nur ein Christbaum zu Weihnachten. Generell fiel jedoch auf, wie wohlbesonnen, offen, redselig, hilfsbereit und freudig der Menschenschlag hier am Niederrhein doch durchaus war. „Ihr müsst nächstes Jahr unbedingt einen Mottowagen ziehen“ hörten wir nicht nur einmal. Dass wir inoffiziell bereits für das nächste Jahr fest eingeplant sind, müssen wir unseren Verantwortlichen wohl erst noch beibringen.

Auf dem Weg zur Startaufstellung mussten wir eine kurze Zwangspause einlegen und unser Dachverdeck überziehen. Eigentlich ein No-Go für hartgesottene Lanzpiloten wie etwa unser Präsident. Petrus wollte sich trotz oder gerade des Versprechens Templins wegen: „Der dort oben ist doch auch ein bisschen Jeck“ noch einmal von seiner eindrucksvollsten Seite zeigen. Was der Bewunderung gegenüber unserer Bulldogs jedoch keinen Abbruch tat, im Gegenteil, Kollege Heiner auf seinem ‘38er Ackercabriolet beschloss fortan einfach selbst wie die Sonne zu strahlen und demnach die Regenwolken einfach wieder zu vertreiben. Nachdem wir nun halb Düsseldorf aus dem Schlaf gerissen hatten und gefühlt sämtliche Feinstaub-Emissionsmessgeräte zur Kapitulation zwangen, sind wir schließlich am Startplatz angekommen und sollten dort noch ganze fünf Stunden verweilen, bis auch unsere Zahnräder wieder ineinander kämmen durften. Gefühlt war das aber alles andere als langwierig oder gar langweilig, wurde der Zug doch von hinten beginnend gestartet und zog so Wagen für Wagen an uns vorbei. Unsere Fahrerkabine wurde hierbei mit Süßigkeiten regelrecht zugemüllt. Die strahlenden Kinderaugen, welche ihre Regen- inzwischen als Sammelschirme umfunktionierten, sollten es uns später danken. Schwer zu beschreiben, welche Begeisterung und welchen Enthusiasmus man empfindet, darf man doch selbst Teil dieser Kette sein. Selbst meine Freundin habe ich auf eine völlig neue Art kennengelernt, wie sie die Stimmung feierte und mit ihren Aufforderungen zu La Ola-Wellen ihr Bad in der Menge sichtlich genoss, berauscht vor Glückseligkeit.

Nur das mit dem Gleichgewicht auf der Passagierkanzel müssen wir angesichts des satten Drehmomentanstiegs beim Beschleunigen des HR9 noch etwas üben! Templin selbst war längst auch bunt geschmückt (wir erinnern uns an die grelle Nagelpracht) samt Narrenmütze und natürlich voller Begeisterung: „Auf unserem Wagen hoch droben steht Roberto Blanco, Mensch, der Mann ist 82 und steht dort oben, in Fleisch und Blut, stell Dir das mal vor!“. Exakt so alt wie unser HR8, schoss es mir da durch den Kopf. Verrückt. Mit jedem Gasstoß stellten wir weiterhin fest, dass unsere inzwischen längst unterforderten, weiß qualmenden Lanzbulldogs samt lautstarkem Bollern mehr Stimmung in der Menschenmasse erzeugten, als jeder erdenkliche Subwoofer samt Nebelmaschine. Von der Prinzengarde höchst persönlich wurden wir via Mikrofon dazu angefeuert, ja, aufgefordert die Motoren hochzudrehen und ein Feuerwerk der Begeisterung zu entfachen.

„Mensch, meine ganze Jacke ist schon voller Öl, ich stehe schon eine halbe Stunde neben euch, das ist so bekloppt und so geil“ waren da noch die mit am meisten Worten umschriebenen Lobeshymnen der Karnevalistinnen und Karnevalisten. Daumen hoch, überall. Nicht nur von der Generation Facebook. Teile dieser fanden sich etwa hinter einem von – frei nach Layher – „Bohrmaschinenfahrzeug“ getriebenen Greta-Mottowagen, welcher rasch die Fenster schließen musste, nachdem ich (freilich aus Versehen, während des Feierns auf der Kommandobrücke) Feuer in den zweitaktenden 10,5 Liter Brennraum gab. Das Bad in der Menge hat sich angefühlt, wie es die großen Popstars der 90er Jahre wohl empfunden haben müssen. Begeisterte Gesichter, überall wohin man sah. Ausnahmslos. Und ein lautstarkes „Helau“ begleitet von einem Feuerstoß des Mannheimer Kraftpakets erzielte den Effekt einer Partydroge. Die Lautsprecherbeschallung mit Lobeshymnen über die beiden Technikmuseen und der damit verbundenen Besucheraquirierung taten hierbei ihr Übriges. Für Fans von Fans - hier konnte man es spüren, hautnah und ungefiltert. Herr Layher, Herr Templin, ich danke Ihnen von ganzem Herzen für dieses großartige Erlebnis, auch im Namen des Teammitglieds Heiner und meiner Freundin Corinna.

P.S.: Ihr seid auch bereits große Fans oder wollt Euch inspirieren lassen? Beweist es und kommt zum BRAZZELTAG, denn hier könnt Ihr die beschriebenen Lanz-Bulldogs nicht nur wie die Düsseldorfer Karnevalisten mehr oder weniger aus der Ferne betrachten, sondern selbst Teil davon werden und auch mitfahren. An dieser Stelle lasse ich unerwähnt, wie es sich anfühlt, die Titanen zu riechen, zu spüren, manchmal auch zu schmecken und von der Fahrerperspektive aus in begeisterte Gesichter zu blicken. Süßigkeiten überflüssig.

Haftungshinweis zur Richtigkeit + Copyright

Die in diesem Blog erzählten Geschichten und Berichte geben ausschließlich die Meinung und Sichtweisen der jeweiligen Autoren wider. Bitte beachten Sie, insbesondere bei Blog-Berichten zu unseren Museumsveranstaltungen, dass verbindliche Informationen (z.B. zu den Öffnungszeiten, Eintrittspreisen und Programmpunkten), ausschließlich auf der offiziellen Museumwebsite www.technik-museum.de veröffentlicht sind.
Bitte beachten Sie ferner, dass die in diesem BLOG veröffentlichten Bilder, Texte und Videos dem Copyright der jeweiligen Autoren und/oder dem Museum unterliegen und ohne Genehmigung nicht verwendet werden dürfen.


Über Neuigkeiten in diesem BLOG auf dem Laufenden bleiben
Wir empfehlen unseren Museumsnewsletter per E-Mail zu abonnieren. Am Ende eines jeden Newsletters informieren wir über neue Einträge in diesem BLOG, somit verpassen Sie keinen Artikel. Alternativ können Sie auch einen RSS-Feed abonnieren:
Newsletter abonnieren RSS-Feed (Reader erforderlich)