The Orient Express 2019

Es ist ein ganz gewöhnlicher Dienstagnachmittag im Technik Museum Sinsheim. Die beiden Supervögel, Tupolev Tu-144 und die Concorde, strahlen in der Mittagssonne um die Wette; die Museumsbesucher entspannen von ihrem Rundgang auf der Restaurant-Terrasse; die Kinder spielen ausgelassen auf dem in Blicknähe befindlichen Spielplatz. Bis sich etwas im Einfahrtsbereich regt. Dass auf dem Museumshof mal der ein oder andere Oldtimer parkt, ist keine Seltenheit. Doch diesmal bot sich den Besuchern ein ganz besonderes Bild: An die 20 prachtvolle Oldtimer fuhren auf den Innenhof des Museums und parkten in Reih und Glied. Ein Exemplar schöner als das andere: Rolls Royce, Crane Simplex, Brasier, Oldsmobile, Peugeot, Sunbeam, Lancia sowie Arrol Johnston – einige dieser Marken sind schon lange vom Markt verschwunden. Da es sich vermehrt um Vorkriegswagen (1. Weltkrieg) handelte, boten wir dem ein oder anderen Automobil einen Reparaturservice an. Vom Fahrtwind zerzaust und von der Etappe sichtlich erschöpft aber auch höchstzufrieden, beantwortete Daniel Ward, der Organisator dieser einzigartigen Rallye, unsere Fragen.

Museum: Sie sind mit wirklich prachtvollen Fahrzeugen unterwegs. Was hat es mit diesem Trip, dem "Orient Express 2019", auf sich?
Ward: Unsere Rallye führt uns von Den Haag in den Niederlanden nach Istanbul in der Türkei. Ziel der Rallye ist es, die Oldtimer – allesamt vor 1920 gebaut - in die drei größten Museen Europas zu bringen. Der Startschuss fiel im Louwman Museum – der Besitzer ist übrigens unter den Teilnehmern. Für heute haben wir unser Ziel erreicht: Wir sind beim Hermann Layher im Technik Museum Sinsheim angekommen. Sein Museum beherbergt eine weltweit sehr außergewöhnliche Sammlung. Wir fühlen uns sehr privilegiert, dass er heute Abend für uns ein Dinner veranstaltet. Auf diese Aufmerksamkeit freut sich schon jeder der Rallye-Teilnehmer. Morgen geht es ausgeruht weiter.

Museum: Es geht ausgeruht weiter. Es liegt ja schon noch Arbeit vor Euch...
Ward: In den nächsten Tagen müssten wir eine ordentliche Strecke bewältigen. Anfangs geht‘s nach Italien über Lindau, Innsbruck, Padua und Rimini. Danach setzen wir nach Griechenland über, bis wir schließlich in der Türkei ankommen. Dabei überqueren wir die Halbinsel mit der Fähre gen Osten, wo Europa in Asien übergeht. In der Millionenstadt Bursa angekommen, nehmen wir erneut die Fähre nach Istanbul, um endlich im Rami M. Koc Museum zu landen. Dieses stellt ebenfalls eine erstaunliche Sammlung im Namen des Gründers aus … so wie es bei Hermann Layher der Fall ist. Der Besitzer lud uns auch ein, mit ihm zu Abend zu essen. Wir feiern das wirklich, dass jeder Museumsgründer oder –inhaber uns zum Abendessen einlädt. Es scheint fast so, als fahren wir in unseren Veteranenautos von einem Abendessen zum anderen.

Museum: Vielen Dank – jetzt haben Sie schon viele meiner geplanten Fragen vorweggenommen. Der Name der Fahrt ist ja "The Orient Express 2019". Wird dann jedes Jahr eine abgehalten, gibt es eine nächste?
Ward: Nun, diese Rallye ist die erste und die letzte. Für meine Freunde veranstalte ich jedes Jahr eine. Und jedes Mal ist es etwas komplett anderes - wir wiederholen keinen Trip zweimal. Einzige Voraussetzung bei all den Rallyes ist: Wir versuchen dabei historische Ereignisse nachzustellen. Das erste Mal, dass man mit einem Auto von London nach Istanbul fuhr, war 1907 und das ganze mit einem Einzylinder Rover … seitdem sind die Touren etwas einfacher geworden.

Museum: Ok. Sie starteten also in Den Haag in den Niederlanden – gab es seitdem irgendwelche Probleme?
Ward: Hmm…nichts Ungewöhnliches. Bei diesen frühen Autos gibt es oft Probleme mit den verstopften Kraftstoffleitungen oder Zündungsprobleme. Das Hauptproblem tritt dann auf, wenn zu einem bestimmten Zeitpunkt jemand ein anderes Teil an einem Anlasser oder einer Benzinpumpe angebracht hat. Die Modifikationen verursachen meistens den Ärger, nicht die antiken Teile.

Museum: Bei solch historischen Rallyes gibt es oft eine Art Preis. Machen Sie das aus reinem Spaß oder steckt da mehr dahinter?
Ward: Nein, das ist nur zum Spaß. Das alles ist rein privat organisiert und wirft überhaupt keinen Profit ab. Es ist auch für keinen gemeinnützigen Zweck … nur eine reine Veranstaltung für Oldtimer-Enthusiasten.

Museum: Bei all diesen fantastischen Fahrzeugen hier – welches ist das älteste oder gar das interessanteste?
Ward: Nun, der älteste und der interessanteste Wagen sind in der Tat zwei verschiedene Fragen. Das älteste Auto ist eines von meinen Fahrzeugen. Genau genommen habe ich bei dieser Rallye vier Fahrzeuge mit am Start. Das älteste überhaupt ist ein Talbot von 1908. Ein guter Freund von mir fährt diesen. Obwohl schon so alt, hat er mit seinen 6,5 l eine ordentliche Power. Was das interessanteste Auto betrifft … nun, das ist reine Ansichtssache. Bei dieser Rallye haben wir so einige Rolls Royce Silver Ghost aus aller Welt mit dabei: aus Süd- und Nordamerika, sogar einen aus Neuseeland. Die Silver Ghosts sind nun mal sehr beliebt. Tatsächlich ist einer gerade erst aus Mexiko gekommen. Es ist auch eines der wichtigsten Wagen hier auf der Veranstaltung: Mit seiner ursprüngliche Kellner-Karosserie ist es ein wirklich fantastisches Auto. Mein eigentlicher Favorit hier bei dieser Rallye … ein Auto, welches ich auch sehr gerne besitzen würde … ist ein Peugeot mit ganzen 150PS! Ein wirklich sehr schönes Auto, sehr originell und sehr schnell. 

Museum: Fahren Sie nur auf bestimmten Straßen, oder benutzen sie auch die Autobahn?
Ward: Wir vermeiden bewusst die Autobahn, weil sie ganz einfach keinen Spaß macht. Allein mit einem alten Auto mit hoher Geschwindigkeit zu fahren, bereitet nun wirklich keine Freude. Und dass manche dieser Autos gar kein richtiges Verdeck haben, müssen solche Rallyes bei schönem Wetter gefahren werden. So wählen wir auch die Straßen, wo man gemütlicher und übers Land fahren kann. Außerdem wollen wir kein Hindernis für die anderen Verkehrsteilnehmer darstellen … und einfach nur das pure Autofahren richtig genießen. Ich meine, das Fahren auf einer Autobahn erfordert nicht wirklich viel Geschicklichkeit … genaugenommen ist es eher langweilig und darüber hinaus ziemlich schädlich für den Mechanismus dieser Autos. Damals (1910/1912) wurden die Autos ja nie für Dauergeschwindigkeiten entwickelt. Die gesamte Schmierung an ihnen ist eigentlich viel besser, wenn der Motor nicht mit einer konstanten Drehzahl bei hoher Drehzahl läuft, insbesondere unter Last, sie mögen es nicht. Sie werden es tun, aber es gefällt ihnen nicht. Und es ist einfach uninteressant.

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